Dann stand sie auf und ging zur Spüle. Das Wasser rauschte, und in ihrem Kopf dröhnten die Gedanken wie ein alter Trafo.
Wie lange noch? Seit Jahren mache ich es allen recht. Und wofür? Damit am Ende wieder nur kommt: Mama ist gekränkt.
Am nächsten Tag hielt Claudia es nicht länger aus und rief an. Ihre Stimme klang kalt wie eine Pfütze im Februar.
„Lukas, richte deiner Frau aus, dass sie uns bloßstellt. Die ganze Verwandtschaft redet schon darüber, dass wir nicht bei mir feiern, nur weil die Schwiegertochter sich angeblich ausruhen will.“
Marie stand direkt neben ihm und hörte jedes Wort.
Sie trat näher, nahm Lukas das Telefon aus der Hand und sagte ruhig:
„Claudia, Sie sind eine erwachsene Frau. Feiern Sie, wo Sie möchten. Nur eben ohne mich.“
„Also wirklich!“, empörte sich Claudia. „Und wenn mein Sohn ohne Abendessen dasteht, ist das dann auch ohne dich?“
„Dann soll er sich eben Frikadellen braten“, antwortete Marie gelassen und beendete das Gespräch.
Lukas sprang auf.
„Marie, warum machst du das? Willst du sie absichtlich reizen?“
„Nein“, sagte Marie. „Ich sage nur zum ersten Mal in meinem Leben laut die Wahrheit.“
Lukas lief im Zimmer auf und ab wie ein eingesperrtes Tier.
„Begreifst du überhaupt, dass du dich mit ihr streitest, aber ich es ausbaden muss?“
„Und ich etwa nicht?“ Marie zog die Augenbrauen hoch. „Für dich ist alles so einfach: Mama möchte das, Mama ist es so gewohnt, Mama findet es so bequemer. Und ich? Hat mich irgendjemand ein einziges Mal gefragt, ob es für mich bequem ist?“
Lukas sank auf einen Stuhl und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Marie, ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll. Ich habe nun mal nur eine Mutter.“
„Und was bin ich? Zubehör zum Kochtopf?“
Danach wurde es lange still. Man hörte nur das Ticken der Wanduhr und draußen den Wind, der im Hof eine Plastiktüte vor sich hertrieb.
Am nächsten Morgen ging Marie nicht zur Arbeit. Sie blieb zu Hause, saß mit einer Tasse Tee am Tisch und dachte nach.
Sie dachte daran, wie mühelos sie im Laufe der Jahre zwischen fremden Wünschen verschwunden war. Wie aus ihr dieses „Marie, mach doch mal“, „Marie, bring bitte“, „Für Marie bleibt bestimmt noch ein Nachschlag“ geworden war.
Dabei hatte sie sich einmal etwas ganz Schlichtes gewünscht: einen Partner, ein Zuhause, Respekt auf beiden Seiten.
Den ganzen Tag vibrierte das Telefon. Mal rief Claudia an, mal Nina, mal Tante Sabine. Alle sagten im Grunde dasselbe: Stell dich nicht so an, ohne dich fällt das Fest auseinander.
Gegen Abend stellte Marie das Handy einfach stumm.
Sie setzte sich ans Fenster und betrachtete die Lichter der Autos, die sich auf dem nassen Asphalt spiegelten.
Und plötzlich wusste sie es.
Es war genug.
Als Lukas an diesem Abend die Tür aufschloss, blieb er bereits im Flur stehen.
Die Wohnung wirkte ungewöhnlich ordentlich. Mehr noch: fast beunruhigend ordentlich.
Auf dem Tisch lagen nur ein Umschlag und der Schlüsselbund.
„Marie?“, rief er in die Stille hinein.
Da trat sie aus dem Zimmer. Sie hatte bereits ihren Mantel an, in der Hand hielt sie eine kleine Tasche. Ihr Gesicht war ruhig, beinahe gelassen, doch in ihrem Blick lag etwas Unnachgiebiges.