„Dann soll er lernen, allein zurechtzukommen“, sagte sie schließlich.
„Heißt das, du gehst nicht zurück?“, fragte Karin.
„Nein, Tante Karin. Zurück gehe ich nur noch dorthin, wo man mich achtet. Nicht dorthin, wo man mich benutzt.“
Am anderen Ende der Leitung seufzte die Nachbarin.
„Richtig so, mein Kind. Irgendwann muss Schluss sein damit, sich wie ein Fußabtreter behandeln zu lassen. Eine Frau ohne eigenen Willen ist wie Tee ohne Teeblätter: sieht nach etwas aus, aber es steckt nichts drin.“
Marie musste lächeln.
„Genau so fühlt es sich an.“
Der Winter kam früh in diesem Jahr. Schnee legte sich weich über Dächer, Straßen und parkende Autos, als hätte jemand einen Vorhang über eine Bühne gezogen, auf der gerade ein langes, müdes Stück zu Ende gegangen war.
Nach Feierabend ging Marie durch die dunkle Straße. Die kalte Luft füllte ihre Lungen, klar und scharf. In der Hand trug sie eine Einkaufstasche, auf ihrem Gesicht lag eine Ruhe, die ihr selbst noch neu war.
Ein Mann kam ihr entgegen, mit einem Blumenstrauß im Arm. Unwillkürlich lächelte sie.
Nicht, weil sie darauf wartete, dass ihr jemand Blumen schenkte. Sondern weil sie zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte, dass sie noch da war.
Lebendig.
Frei.
Und dort, mitten im Schneefall, im gelben Licht der Straßenlaternen, verstand sie: Eine Trennung ist nicht zwangsläufig ein Ende.
Manchmal ist sie der Anfang eines neuen Kapitels. Eines, in dem sie nicht Köchin, nicht Dienstmädchen, nicht „Marie, bring mal schnell“ war.
Sondern einfach eine Frau.
Eine Frau, die ihr eigenes Ich wiedergefunden hatte.