Nur Essen gab es keines.
„Lina, Liebes… wo sind denn die Häppchen?“, fragte Dorothea und drehte sich irritiert zu ihr um.
Lina lächelte freundlich.
„Eine Überraschung. Wir warten auf das Jubelpaar.“
Nach und nach kamen die übrigen Gäste: Freundinnen von Sabine, Kollegen von Lukas. Sie brachten Blumen, Geschenke und festliche Kleidung mit, setzten sich, wechselten verstohlene Blicke und starrten immer wieder auf die leere Tafel. Jemand machte einen Witz über eine neue Trenddiät. Das Gelächter klang dünn und verlegen.
Lina schenkte Mineralwasser ein. Sie lächelte weiter. Und wartete.
Punkt sieben Uhr kehrten Lukas und seine Mutter zurück. Sabine schwebte beinahe in den Flur, so zufrieden war sie mit sich selbst. Ihre Haut glänzte frisch nach der Behandlung, das Haar lag in weichen Wellen, die Maniküre war tadellos. Sie streifte den Mantel ab und ging ins Wohnzimmer.
Dort blieb sie abrupt stehen.
Vor ihr lag der leere Tisch. Acht Gäste saßen mit ratlosen Gesichtern darum herum. Und Lina stand in ihrem schwarzen Kleid daneben, ein Glas Wasser in der Hand.
Sabines Stimme kippte in ein schrilles Kreischen.
„Was soll das heißen? Lina! Wo ist das Essen? Ich habe dir doch genau aufgeschrieben, was auf den Tisch muss!“
Lukas trat hinter ihr ins Zimmer. Kaum hatte er die leere Tafel gesehen, schoss ihm das Blut ins Gesicht.
„Lina, hast du jetzt völlig den Verstand verloren? Die Leute sind zu unserem Hochzeitstag gekommen, und hier steht nichts!“
Sein Gebrüll füllte das ganze Haus. Die Gäste senkten verlegen die Blicke. Einer starrte auf seinen Teller, eine andere tat so, als müsse sie dringend etwas auf dem Handy lesen, jemand sah angestrengt aus dem Fenster. Nur nicht zu ihnen hinüber. Nur nicht Zeuge dieser Szene sein.
„Was ziehst du hier ab? Bist du eigentlich noch bei Trost?“
Lina ließ ihn ausreden. Dann stellte sie ihr Wasserglas langsam auf die Tischplatte. Ihre Stimme blieb ruhig.
„Das ist meine Überraschung.“
Die Stille danach war so dicht, als hätte jemand einen schweren Vorhang fallen lassen.
„Zu unserem Hochzeitstag gebe ich bekannt, dass ich mich scheiden lasse.“ Lina zog den Ehering vom Finger und legte ihn auf die weiße Tischdecke. Ein helles Klirren war zu hören. „Ich gehe. Heute. Jetzt.“
Lukas öffnete den Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus. Dann klappte er ihn wieder zu und versuchte es erneut.
„Du machst das vor allen? Ernsthaft? Du veranstaltest diese Show vor unseren Gästen?“
„Ich veranstalte keine Show. Ich sage die Wahrheit.“ Lina griff nach der Tasche, die sie längst gepackt bereitgestellt hatte. „Sieben Monate lang war ich hier eure Haushaltshilfe. Ich habe gekocht, gewaschen, geputzt. Von fünf Uhr morgens bis Mitternacht. Und du hast nicht ein einziges Mal gefragt, wie es mir geht. Nicht ein einziges Mal geholfen. Du hast es einfach hingenommen. Ihr beide habt mich benutzt, weil es bequem war. Mehr war ich für euch nicht.“
Greta, eine Freundin von Sabine, schnaubte leise in ihre Faust. Dorothea nickte kaum merklich.
„Lina, Liebes, warte doch“, setzte Sabine an und kam mit ausgestreckten Händen auf sie zu, die makellose Maniküre wie frisch aus dem Salon. „Du bist nur erschöpft, das verstehe ich. Wir reden in Ruhe darüber. Wir stellen jemanden ein, ja? Nicht wahr, Lukas?“