Seitdem hing der Schlüssel einfach weiter an Sabine Becks Bund, und Sabine Krüger hatte ihn nie zurückverlangt.
Auf ihr Klingeln reagierte niemand. Sabine Beck drückte ein zweites Mal auf den Knopf, wartete einige Sekunden, dann schob sie den Schlüssel ins Schloss.
Die Wohnung ihrer Schwiegermutter war alt, zwei Zimmer, ein schmaler langer Flur, an dessen Wänden sich Bücherregale bis fast unter die Decke zogen. Es roch nach Papier, getrockneten Kräutern und Katzenfutter. Noah Walter, der riesige rote Kater mit dem eingerissenen Ohr, schoss ihnen entgegen und rieb sich sofort an Mia Möllers Beinen.
Aus dem hinteren Zimmer, dem Arbeitszimmer der Schwiegermutter, drangen Stimmen. Sabine Beck hob die Hand und bedeutete Mia, keinen Laut von sich zu geben. Dann blieb sie neben dem ersten Regal stehen.
„Mama, warum stellst du dich denn so an?“, hörte sie Lukas Baumann sagen. „Das ist doch nur ein Formular. Du unterschreibst, und damit ist die Sache erledigt. Für dich ändert sich gar nichts.“
„Wenn sich gar nichts ändert, wozu brauchst du es dann?“ Sabine Krügers Stimme klang ruhig, beinahe wie früher im Unterricht.
„Weil es sicherer ist. Mama, versteh doch: Ich stecke mitten in der Scheidung. Sabine Beck wird versuchen, alles aufzuteilen, was sie in die Finger bekommt. Wenn du mir die Wohnung jetzt schenkst, kommt sie da nicht ran. Geschenke werden bei einer Scheidung nicht geteilt, das wäre dann mein persönliches Eigentum. Wenn du nur ein Testament machst, dann irgendwann später… na ja, irgendwann eben. Erbe wird zwar auch nicht geteilt, aber wer weiß, wann das ist. Ich brauche es jetzt.“
„Und warum brauchst du es ausgerechnet jetzt?“
Einen Moment schwieg Lukas.
„Na ja… Laura Braun und ich müssen irgendwo wohnen. Miete ist doch rausgeworfenes Geld. Hier sind zwei Zimmer, mitten in der Stadt. Du bist im Sommer sowieso ständig im Wochenendhaus. Dann ziehst du eben ganz dorthin. Frische Luft, Garten, Ruhe. Ich baue dir einen neuen Ofen ein. Und dämme alles.“
„Du dämmst alles“, wiederholte Sabine Krüger langsam. „Lukas, ich bin einundsiebzig. Mein Arm steckt im Gips. Bis zur nächsten Apotheke sind es dort vier Kilometer über einen Feldweg. Im Winter fährt der Bus zweimal am Tag.“
„Dann komme ich eben vorbei!“
„Du kommst ja jetzt schon nicht. In den letzten zwei Wochen warst du ein einziges Mal hier. Heute. Mit deinem Papier.“
Sabine Beck spürte, wie Mia ihre Hand fester umklammerte.
„Mama, ich erkläre es dir noch einmal…“
„Du musst mir gar nichts erklären. Ich bin kein Kind.“ Nun lag Stahl in der Stimme der alten Frau. „Fünfunddreißig Jahre lang habe ich Kindern erklärt, wie Salzsäure mit Eisen reagiert. Und jetzt willst du mir erklären, wie man seine Mutter aus ihrer Wohnung drängt. Nein, Lukas. Ich unterschreibe nicht.“
„Warum denn nicht?!“
„Weil die Wohnung längst geregelt ist. Für Mia. Ich habe vor zwei Jahren ein Testament aufgesetzt. Beim Notar. Alles ordnungsgemäß.“
Stille breitete sich aus. Sabine Beck hörte die Küchenuhr ticken und Noah Walter lautstark sein Futter knacken.