„Sie hetzt meinen Sohn gegen mich auf“, erklärte David sofort. „Gestern wollte er nicht einmal mit mir ins Kino gehen.“
„Weil du es ihm drei Wochen lang versprochen und jedes einzelne Mal kurz vorher abgesagt hast“, gab Emma zurück. „Irgendwann verliert auch ein Kind die Geduld.“
Frau Karoline hob erneut die Hand, diesmal entschiedener.
„Stopp. Wir holen die Schulpsychologin dazu. Liam hat gestern bereits mit ihr gesprochen, und es ist wichtig, dass wir eine fachliche Einschätzung hören.“
Wenige Minuten später trat die Psychologin ein, eine junge Frau mit warmem Blick und ruhiger Stimme. Sie sprach leise, aber bestimmt.
„Liam steht derzeit unter erheblichem seelischem Druck“, begann sie. „Er gibt sich selbst die Schuld an den Problemen seiner Eltern. Außerdem hat er große Angst, seinen Vater zu verlieren.“
„Sehen Sie?“, sagte David triumphierend und warf Emma einen anklagenden Blick zu.
Die Psychologin ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen.
„Er hat mir auch von Ihrem letzten Streit erzählt“, fuhr sie fort und wandte sich nun direkt an David. „Von dem Moment, in dem Sie seine Mutter als Diebin bezeichnet und gesagt haben, Sie würden ihr alles nehmen — auch Liam.“
Davids Gesicht lief dunkelrot an.
„Das ist gelogen!“, fuhr er auf. „Sie hat ihm das eingeredet!“
„Kinder erfinden solche Details nur selten“, widersprach die Psychologin sachlich. „Vor allem benutzen sie kaum Begriffe, deren Bedeutung sie selbst nicht ganz verstehen. Liam hat mich gefragt, was es heißt, ein Kind vor Gericht ‚wegzunehmen‘, und ob ein Elternteil dem anderen verbieten kann, den eigenen Sohn zu sehen.“
Frau Karoline atmete schwer aus.
„Herr David, Frau Emma“, sagte sie mit ernstem Ton, „ich zweifle nicht daran, dass Sie beide Ihren Sohn lieben. Aber im Moment schaden Ihre Handlungen ihm. Wenn Sie Ihre Angelegenheiten schon nicht friedlich klären können, dann halten Sie Liam wenigstens aus Ihren Auseinandersetzungen heraus.“
Die Psychologin ergänzte:
„Wir werden Liams Zustand weiter beobachten. Sollte es notwendig werden, werde ich eine fachliche Stellungnahme für das Jugendamt oder das Gericht verfassen.“
Für einen Augenblick huschte Unsicherheit über Davids Gesicht.
Als Emma und Liam schließlich in die neue Wohnung gezogen waren, verlief die erste Woche erstaunlich ruhig. David sah seinen Sohn zweimal. Einmal gingen sie im Park spazieren, ein anderes Mal nahm er ihn mit in ein Café. Doch am darauffolgenden Dienstagabend tauchte er betrunken im Treppenhaus auf.
„Mach auf!“, brüllte er und schlug mit der Faust gegen die Tür. „Ich habe ein Recht darauf, meinen Sohn zu sehen!“
Liam klammerte sich im Flur an seine Mutter. Sein Gesicht war blass vor Angst.
„Papa, bitte geh“, rief er durch die geschlossene Tür. „Du bist komisch. Du machst mir Angst.“
„Mein Sohn, das ist alles ihre Schuld!“, schrie David weiter. „Deine Mutter hat unsere Familie zerstört!“
Die Nachbarin von gegenüber öffnete vorsichtig ihre Tür und sah hinaus.
„Ich habe die Polizei gerufen“, sagte sie zu Emma. „Machen Sie sich keine Sorgen.“