Als schon alle saßen, hob meine Mutter ihr Glas.
»Danke, dass ihr gekommen seid. Ich möchte etwas sagen, solange alle da sind.«
Die Gespräche verstummten. Emilia lächelte und rückte den Kindern die Teller zurecht.
»Ich habe beschlossen, das Haus auf Emilia überschreiben zu lassen. Damit später niemand streitet und nichts geteilt werden muss. Bei Emilia wachsen zwei Kinder auf, die werden einmal Platz brauchen. Greta und Sebastian haben ja ihre Wohnung. Und Greta hat ohnehin niemanden, dem sie später etwas hinterlassen könnte.«
Es wurde so still am Tisch, wie es nur auf dem Dorf still werden kann, wenn sogar die Hunde plötzlich verstummen.
Tante Marie sah in ihren Salat. Wilma Petersen senkte sofort den Blick und begann, an der Tischdecke herumzuzupfen. Emilia legte meiner Mutter sanft die Hand aufs Handgelenk und sagte: »Mama, warum denn jetzt? Es ist doch dein Geburtstag.«
Ich saß da und spürte, wie mir die Ohren heiß wurden. Nicht die Wangen. Die Ohren, genau wie früher in der Schule an der Tafel.
Greta hat niemanden. Mein Vater war seit zwölf Jahren tot, und in den letzten neun Jahren war ich nahezu jeden Samstag hier gewesen. Ich war vierundvierzig, und diese Samstage waren inzwischen mehr als vierhundert geworden. Und nun stellte sich heraus: Ich hatte niemanden.
Ich stellte mein Glas ab, ohne getrunken zu haben.
»Mama, dann rechnen wir doch gleich vor allen nach. Wenn du es schon vor allen verkündest.«
»Was willst du rechnen?«, fragte sie und zog die Stirn kraus.
»Das Dach. Zweitausendeinundzwanzig, achtzehnhundert Euro, die Handwerker aus der Kreisstadt. Der Brunnen mit Pumpe, zweitausenddreiundzwanzig, neunhundertfünfzig. Heizkessel und Leitungen im Haus, zweitausendvierundzwanzig, vierzehnhundert. Der Zaun mit den Toren im vergangenen Jahr, sechshundert. Das macht viertausendsiebenhundertfünfzig Euro, Mama.«
Niemand am Tisch rührte mehr sein Essen an.
»Und dann war da noch das Gewächshaus.«
Das hatten wir im Juni abgebaut und beim Schrotthändler abgegeben. Dreihundertachtzig Euro. Zusammen also fünftausendeinhundertdreißig Euro. Und da sind weder Benzin noch Medikamente noch Kartoffeln eingerechnet.«
»Greta«, sagte Emilia leise. »Warum machst du das jetzt? Das ist doch Mama. Willst du ihr etwa eine Rechnung präsentieren?«
»Ich präsentiere gar nichts«, erwiderte ich. »Ich spreche nur laut aus, was Sache ist. Mama hat vor einer Viertelstunde vor allen über ein Haus verfügt, in das dieses Geld geflossen ist. Dann darf ich darüber ebenfalls vor allen reden.«
Mutters Gesicht lief dunkelrot an.
»Ich habe dich um nichts gebeten! Das hast du alles von dir aus gemacht!«
»Stimmt«, sagte ich. »Ganz allein. Darum rede ich auch ganz allein darüber.«
In diesem Moment fiel mir die Elektrik ein.
Bei Mutter lagen noch Aluminiumleitungen aus irgendeinem Jahr der sechziger. Die Küchenlampe flackerte, sobald man Wasserkocher und Heizlüfter gleichzeitig einschaltete. Über eine Gruppe aus dem Landkreis hatte ich eine Handwerkertruppe gefunden. Wir waren bei achthundertsechzig Euro gelandet, und zweihundert Euro Anzahlung hatte ich Anfang August bereits überwiesen. Am kommenden Montag wollten sie anfangen.