Ich nahm mein Handy heraus, suchte die Nummer des Vorarbeiters, stellte auf Lautsprecher und legte das Gerät mitten auf den Tisch, zwischen Salatschüssel und Brotkorb.

»Hallo, Herr Otto? Hier ist Nesterova aus Magdeburg, wegen der neuen Leitungen am Montag. Ich storniere den Auftrag. Bitte überweisen Sie die zweihundert Euro Anzahlung auf die Karte zurück, von der sie gekommen sind.«

Am anderen Ende blieb es einen Augenblick still.

»Wieso denn das? Einen Teil vom Material haben wir schon besorgt.«

»Wenn etwas angebrochen ist, behalten Sie es. Den Rest bitte zurück. Das Haus bekommt demnächst eine andere Eigentümerin. Mit ihr können Sie dann alles Weitere klären.«

»Verstanden. Ich schicke es Ihnen bis morgen.«

Ich beendete das Gespräch und steckte das Telefon sofort wieder in die Tasche.

Philipp starrte auf die Tischplatte. Emilia sah zu Mutter hinüber. Mutter sah mich an, ihre Lippen bebten.

»Aber wie denn… die Leitungen sind doch alt…«

»Sind sie«, sagte ich. »Achthundertsechzig Euro, Mama. Bei Emilia wachsen zwei Kinder heran, sie wird schon eine Lösung finden.«

Ich stand auf, wünschte allen noch einen guten Appetit und ging hinaus zum Wagen. Niemand hielt mich zurück. Nur Wilma Petrovna fasste mich am Gartentor kurz am Ärmel und flüsterte, dass ich zwar übertrieben hätte, sie mich aber trotzdem verstehe.

Im Auto blieb ich bestimmt fünf Minuten sitzen, ohne den Motor anzulassen. Meine Hände waren ruhig, vollkommen ruhig. Nur im Hals steckte etwas Hartes, und jedes Schlucken tat weh.

Ich kurbelte das Fenster herunter. Hinter dem Zaun hörte ich Stimmen. Die Runde fand langsam wieder zu sich, jemand lachte, Besteck klirrte. Dort drinnen lief das Leben ohne mich weiter, und das war leichter zu ertragen, als ich erwartet hatte.

Zu Hause fragte Sebastian nichts. Er stellte nur den Wasserkocher an und sagte, dass er am Mittwoch eine Fahrt nach Leipzig habe und dass er an jedem beliebigen Wochenende mitkommen werde, wenn die Kartoffeln rausmüssten.

Ich sagte, es sei noch Zeit. Bis zum Roden blieb ein Monat, und die sechs Ar konnten ruhig noch in der Erde ausreifen.

Drei Wochen später rief Wilma Petrovna an.

»Greta, denk bitte nicht, ich würde tratschen. Ich war sicher, du weißt längst Bescheid.«

Es war Dienstag, der fünfzehnte September, halb acht abends. Ich war gerade erst von der Schicht in die Wohnung gekommen, in der Hand eine Tüte mit Brot, die Jacke noch an.

»Worüber soll ich Bescheid wissen, Wilma Petrovna?«

»Na ja, Stefanie und ich waren doch beim Notar in der Kreisstadt. Paul hat uns gefahren. Am Zehnten war das. Sie saß dort mit Emilia, die beiden haben Unterlagen unterschrieben, wegen Haus und Grundstück. Ich habe fast zwei Stunden auf dem Flur gewartet. Stefanie sagte danach zu mir: Jetzt ist alles erledigt, jetzt kann ich beruhigt sein.«

Ich lehnte mich im Flur gegen die Wand.

»Am zehnten September.«

»Ja. Ist jetzt fünf Tage her. Ich dachte, ihr hättet das untereinander geregelt.«

Ich bedankte mich, legte auf und blieb mit der Brottüte in der Hand im Flur stehen. Sebastian kam aus der Küche, sah mein Gesicht und begriff alles, ohne dass ich ein Wort sagen musste.