„Sie hat sich vor irgendetwas erschreckt“, erklärte Luisa. „Gleich ist es wieder gut.“
Sophie betrachtete das Kind. Die hellen Haare, die sich an den Schläfen leicht kringelten. Irgendetwas in Emmas Gesicht erinnerte undeutlich an Marlene. Der Schnitt der Augen vielleicht, die Form des Mundes. Doch Sophie wusste inzwischen, dass Ähnlichkeiten täuschen konnten. Manchmal waren sie Zufall. Manchmal wurden sie einem eingeredet. Damals ahnte sie noch nicht, wie sehr.
„Darf ich dir noch eine seltsame Frage stellen?“ Sophie zögerte.
Luisa hob eine Augenbraue. „Nach allem, was du heute schon gesagt hast, kommt es auf eine mehr oder weniger auch nicht mehr an.“
„Hast du jemals einen DNA-Test gemacht? Um die Verwandtschaft mit Marlene zu bestätigen?“
„Nein. Wozu denn? Sie hat es mir selbst gesagt. Was braucht man da noch?“
„Gewissheit“, antwortete Sophie. „Ich möchte sicher sein.“
Luisa schüttelte langsam den Kopf und drückte ihre Tochter fester an sich.
„Du bist merkwürdig. Deiner Mutter glaubst du nicht, mir glaubst du auch nicht. Wem glaubst du überhaupt?“
„Tatsachen.“
Ihr Abschied war knapp und kühl. Sophie verließ die Wohnung, ging die Treppe hinunter und trat hinaus in den Hof. Der Abend war mild, fast freundlich, aber sie fror am ganzen Körper. Im Auto setzte sie sich hinter das Lenkrad und rief Lukas Meier an.
„Wir müssen alle in einem Raum zusammenbringen“, sagte sie ohne Einleitung. „Meine Mutter, Luisa und mich. Niemand sonst. Das wird ein Gespräch unter Erwachsenen.“
„Sophie, bist du sicher?“
„Meine Mutter benutzt uns beide, Lukas. Luisa erzählt sie, ich sei ein Ungeheuer. Mir erzählt sie, Luisa sei niemand. Und selbst sitzt sie da und wartet ab, bis wir uns gegenseitig zerfleischen. Damit ist Schluss. Dieser Knoten muss endgültig durchtrennt werden.“
„Wann?“
„In zwei Tagen. Luisa hat am Donnerstag frei. Ich kläre es mit ihr.“
Sie beendete das Gespräch und wählte sofort Marlenes Nummer. Es klingelte lange. Schon wollte Sophie auflegen, da nahm ihre Mutter doch noch ab. Ihre Stimme klang schwach und krank.
„Was willst du, Sophie?“
„Am Donnerstag treffen wir uns in der Wohnung. Du, ich und Luisa.“
„Wozu?“
„Damit wir einander die Wahrheit sagen. Die ganze Wahrheit.“
Am anderen Ende blieb es so lange still, dass Sophie für einen Moment glaubte, die Verbindung sei abgebrochen. Dann sprach Marlene wieder. Ihre Stimme war nicht mehr krank. Sie war hart wie Stahl.
„Gut. Ich komme. Aber beschwer dich danach nicht, wenn die Wahrheit anders aussieht, als du sie dir zurechtgelegt hast.“
Sophie legte auf und sank in den Sitz zurück. Ihr Herz schlug heftig gegen die Rippen. Was hatte ihre Mutter damit gemeint? Welches Geheimnis hielt sie noch zurück?
Der Donnerstag kam schnell. Unaufhaltsam, wie ein Urteil, dessen Vollstreckung man längst erwartet. Sophie wachte mit Kopfschmerzen auf und mit dem dumpfen Gefühl, dass etwas Schlimmes unmittelbar bevorstand. Lukas bot an, mitzukommen, doch sie lehnte ab. Dieses Gespräch gehörte nur dem Blut. Nur den Menschen, die direkt davon betroffen waren.