Sophie las das Datum einmal. Dann noch einmal. Beim dritten Mal verschwammen ihr die Zahlen vor den Augen.
Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ihr Handy, öffnete den Cloud-Speicher und begann, alte Familienfotos durchzublättern. Vor einigen Jahren hatte sie auf Marlenes Wunsch mehrere Alben digitalisiert. Damals hatte sie es für eine sentimentale Laune ihrer Mutter gehalten. Nun scrollte sie fieberhaft durch die Dateien, bis sie bei einem Bild stehen blieb, das sie damals mit dem Telefon abfotografiert hatte.
Darauf stand eine junge Marlene Winter vor dem Hintergrund eines Krankenhauszimmers. In den Armen hielt sie ein Bündel, in dem ein Säugling lag. Auf der Rückseite des Fotos, die ebenfalls mitgescannt worden war, stand in violetter Tinte und in Marlenes Handschrift: „Luischen, November 1983.“
„Das kann nicht sein“, flüsterte Sophie.
Sie sprang auf und holte die Kiste mit den Familienunterlagen vom oberen Fach des Flurschranks. Darin lagen alte Urkunden, vergilbte Briefe, Versicherungsunterlagen, Kopien von Pässen, alles in Umschlägen, die Marlene vor Jahren beschriftet hatte. Sophie wühlte darin, bis sie die Heiratsurkunde ihrer Eltern fand.
7. Februar 1984.
Zwei Monate nach Luisas Geburt.
„Sie hat vor der Ehe ein Kind bekommen“, sagte Sophie laut, doch ihre eigene Stimme klang fremd, wie durch Watte. „Sie hat sie geboren und weggegeben. Im Krankenhaus zurückgelassen. Und danach hat sie meinen Vater geheiratet. Der offenbar von nichts wusste. Oder es wusste und geschwiegen hat.“
Lukas nahm ihr die Dokumente behutsam aus der Hand und sah sie aufmerksam durch. Er las nicht nur, er prüfte, verglich, dachte.
„Es sieht sehr danach aus“, sagte er schließlich. „Luisa ist deine Schwester, Sophie. Deine Halbschwester.“
Für einen Moment geriet die Welt ins Wanken. Dann fügte sie sich wieder zusammen, aber nicht mehr so wie vorher. Alles hatte sich verschoben. Jede Kränkung aus der Kindheit, jeder Vorwurf ihrer Mutter, jedes „du undankbare Tochter“ bekam plötzlich eine andere Bedeutung. Marlene hatte von Sophie nicht nur verlangt, vollkommen zu sein. Sie hatte versucht, durch Sophie etwas wiedergutzumachen. Jene Schuld, die sie mit neunzehn auf sich geladen hatte, als sie sich vor Schande gefürchtet und ihr erstes Kind verlassen hatte.
„Sie hat ihr die Wohnung gegeben“, sagte Sophie tonlos. „Ihrer geheimen Tochter. Und mich hat sie vor die Tür gesetzt.“
Lukas setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.
„Wir können den Vertrag anfechten, falls es einen gibt. Wenn wir nachweisen, dass deine Mutter unter einem Irrtum gehandelt hat oder unter Druck stand.“
„Welcher Druck, Lukas?“ Sophie lachte kurz auf, aber es klang nicht nach Lachen. „Sie hat sie selbst gesucht. Selbst hereingelassen. Ihr ganzes Leben ist sie in die Kirche gegangen und hat gebetet. Ich dachte immer, das sei einfach eine Alterserscheinung. Dabei hat sie versucht, ihre Sünde wegzubeten.“
Abrupt stand Sophie auf. Sie ging zum Fenster, riss es auf und ließ die kalte Frühlingsluft herein. Sie brauchte etwas, das ihren Kopf klärte, denn darin hämmerte nur ein einziger Gedanke.