Sie hatte eine Schwester.

Eine Schwester, die sie ein einziges Mal in ihrem Leben gesehen hatte und die nun in der Wohnung lebte, die einmal ihr gemeinsamer Ort mit Marlene gewesen war. Oder zumindest der Ort, an dem Sophie geglaubt hatte, ein Zuhause zu haben.

„Ich muss mit Luisa sprechen“, sagte sie.

„Vielleicht solltest du zuerst noch einmal mit deiner Mutter reden.“

„Meine Mutter wird lügen.“ Sophie wandte sich nicht um. „Sie lügt immer, wenn es um ihre Vergangenheit geht. Ich wusste nicht einmal, dass sie vor der Hochzeit mit meinem Vater ein Jahr lang weg gewesen war. Sie hat behauptet, sie habe eine kranke Großmutter gepflegt. Diese Großmutter war zu dem Zeitpunkt schon seit drei Jahren tot. Ich habe es später in den Unterlagen gesehen. Mein ganzes Leben habe ich ihren Geschichten geglaubt.“

Sie zog Jeans und einen Pullover an, griff nach ihren Schlüsseln und steckte das Handy ein.

„Ich fahre zu Luisa. Allein.“

„Sophie, ich komme mit.“ Lukas stand sofort auf.

„Nein.“ Sie drehte sich zu ihm um. „Wenn ich dort mit einem Juristen auftauche, macht sie dicht und ruft womöglich die Polizei. Ich muss herausfinden, was für ein Mensch sie ist. Vielleicht weiß sie selbst gar nicht, wessen Tochter sie wirklich ist.“

„Oder sie weiß es sehr genau“, sagte Lukas leise. „Pass bitte auf dich auf.“

Sophie fuhr zum Haus ihrer Mutter. Im Innenhof stellte sie den Wagen ab und blieb noch eine ganze Weile sitzen, die Hände auf dem Lenkrad, den Blick auf den Hauseingang gerichtet. Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Erst als ihr Herz nicht mehr so heftig schlug, stieg sie aus, ging hinein und fuhr mit dem Aufzug nach oben.

Vor der Wohnungstür blieb sie stehen. Diesmal benutzte sie ihren Schlüssel nicht. Sie hätte es gekonnt. Sie hatte noch immer das Recht dazu, zumindest auf dem Papier. Doch sie wollte es nicht. Diese Schwelle fühlte sich inzwischen an wie die Grenze zu fremdem Gebiet.

Sie klingelte.

Luisa öffnete fast sofort. Es wirkte, als habe sie bereits gewartet. Hinter ihr im Flur stand das kleine Mädchen, Emma Lange, wenn Sophie sich richtig erinnerte, und hielt eine Puppe im Arm. Als Emma Sophie sah, wurde sie vorsichtig, wich aber nicht zurück.

„Komm rein“, sagte Luisa. „Nur damit du es weißt: Ich bin nicht allein. Emma ist heute nicht in der Kita.“

„Ich weiß.“ Sophie trat in den Flur und zog die Schuhe aus. Ihr Blick fiel auf die Garderobe. Dort hing eine alte Jacke ihrer Mutter, die Marlene schon in den Neunzigern getragen hatte. Offenbar trug Luisa nun ihre abgelegten Sachen weiter.

Sie gingen in die Küche. Luisa stellte den Wasserkocher an und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. Aus dem Zimmer war Emma zu hören, die leise mit ihrer Puppe sprach, als erzähle sie ihr ein Geheimnis.

„Also“, sagte Luisa. „Warum bist du gekommen?“

Sophie holte tief Luft. Plötzlich bekam sie Angst vor dem, was sie sagen wollte. Diese Wahrheit konnte das Leben der Frau vor ihr zerbrechen lassen. Oder ihr Antworten geben, nach denen sie vielleicht seit Jahrzehnten suchte.

„Wie hast du meine Mutter kennengelernt?“, fragte Sophie.