An einem Abend erhielt Laura eine Nachricht von ihm.
„Ich habe einen Termin bei einer Finanzberaterin vereinbart. Morgen um 18 Uhr. Wenn du möchtest, komm dazu. Ich bringe alle Unterlagen mit und sage dir die ganze Wahrheit.“
Laura starrte lange auf das Display. Ein Teil von ihr wollte alles hinter sich lassen, die Scheidung einreichen und von vorn beginnen. Doch ein anderer Teil erinnerte sich an den Daniel von früher, an den Mann, den sie einmal geliebt hatte, bevor etwas in ihm gekippt war. Sie dachte an die ersten gemeinsamen Jahre, an Zärtlichkeit, Vertrauen, Pläne, die sie miteinander geschmiedet hatten.
Am nächsten Tag betrat sie das Büro der Finanzberaterin. Es lag in einem modernen Geschäftshaus, war klein, aber angenehm eingerichtet: helle Wände, ein runder Besprechungstisch, ein Regal mit Ordnern und ein Wasserkrug auf einem Tablett. Daniel wartete bereits. Vor ihm lag ein Stapel Papiere, den er immer wieder ordnete und wieder durcheinanderbrachte.
Als Laura eintrat, sprang er auf. „Danke, dass du gekommen bist.“
„Ich tue das nicht für dich“, antwortete sie. „Ich tue es, weil ich endlich Klarheit will. Ich muss wissen, womit ich es zu tun habe.“
Die Finanzberaterin, eine Frau mittleren Alters mit ruhiger Stimme und einem offenen Lächeln, bat sie beide, Platz zu nehmen.
„Daniel hat mir Ihre Situation bereits geschildert“, begann sie. „Außerdem habe ich die Unterlagen zu seinen Verbindlichkeiten gesehen. Ich sage es offen: Die Lage ist ernst. Aber sie ist nicht hoffnungslos.“
In der folgenden Stunde hörte Laura zu, wie die Beraterin Daniels finanzielle Lage Stück für Stück auseinanderlegte. Neben dem Kredit, der auf Thomas’ Namen abgeschlossen worden war, existierten vier weitere Darlehen bei verschiedenen Banken. Dazu kamen zwei kurzfristige Kredite bei Online-Anbietern, deren Zinsen beinahe unverschämt hoch waren. Insgesamt beliefen sich die Schulden auf rund fünfunddreißigtausend Euro.
Als die Beraterin ihre Übersicht beendet hatte, sah Laura ihren Mann fassungslos an. „Wie konntest du es so weit kommen lassen?“
Daniel presste die Lippen zusammen und seufzte schwer.
„Es fing vor zwei Jahren an“, sagte er schließlich. „Maximilian kam mit einer angeblich großartigen Geschäftsidee zu mir. Es ging um den Import seltener Teesorten. Er versprach schnelle Gewinne, eine sichere Rendite, alles klang überzeugend. Ich habe meine gesamten Ersparnisse hineingesteckt. Siebentausend Euro.“
„Deine Ersparnisse?“ Laura hob die Augenbrauen. „Oder meinst du unsere?“
„Meine“, korrigierte er sich sofort. „Meine. Das Projekt ging schief. Die Lieferung wurde beim Zoll aufgehalten, dann fehlten plötzlich irgendwelche Zertifikate, danach tauchten zusätzliche Kosten auf. Am Ende war das Geld weg. Ich war verzweifelt und hatte Angst, es dir zu sagen.“
„Warum?“ Laura verstand es noch immer nicht. „Ich hätte es nicht schön gefunden, aber ich hätte es verstanden. Jeder kann sich irren.“
Daniel lachte bitter auf. „Weil du immer so erfolgreich warst. Du wurdest befördert, man hat dich gelobt, du bist vorangekommen. Und ich stand auf der Stelle, mit einem Gehalt, das kaum reichte. Ich habe mich geschämt.“