An der Cocktailbar wandte sich Michael Sommer an Hannah.
— Vielen Dank für diesen wunderbaren Abend. Wissen Sie, in der Stadtverwaltung bleibt immer viel liegen, und Sabine hatte uns auch dringend abgeraten zu kommen. Dann stellte sich heraus, dass Sie sich wirklich auf uns gefreut haben … Ich bereue keine Sekunde, dass ich meine Termine verschoben habe. Es freut mich, Sie näher kennenzulernen, und ich möchte Sie gern einmal zu uns einladen.
— Ich danke Ihnen. Das freut mich sehr. Bitte kommen Sie mit an den Tisch, gleich wird das warme Gericht serviert.
Währenddessen stritten Sabine und Alexander Peters lautstark mit dem DJ, weil sie in „diesem Loch“ unbedingt Karaoke haben wollten. Viele Gäste, auch Verwandte, warfen ihnen missbilligende Blicke zu, doch niemand sagte etwas. Dann trank Sabine so viel, dass sie einen Kellner umriss und einen Tisch mit Getränken umkippte. Zum Gratulieren erschien sie schließlich in einer Art Unterkleid und versuchte, etwas aufzuführen, das wohl ein orientalischer Bauchtanz sein sollte.
— Ich unterhalte euch, wenn die Gastgeberin schon zu geizig für richtige Animation ist! — rief sie, schüttelte sich unbeholfen und löste bei Hannah einen Anflug von Übelkeit aus.
Die übrigen Gäste ertrugen es schweigend. Vermutlich, weil Sabine nun einmal zur Familie gehörte.
Hannah kam dieses Benehmen allerdings gerade recht. Sie konnte ihrer Schwägerin weder die üblen Gerüchte noch diese schweinische Art verzeihen.
— Hannah! Nach der Feier kommen wir noch zu euch rüber. Hier ist die Stimmung ja schon halb verwest, dann feiern wir eben bei euch weiter, — lallte Sabine Lang mit schwerer Zunge.
— Nein. Heute ist bei uns niemand mehr willkommen, — schnitt Hannah Köhler ihr kühl das Wort ab und ließ Sabine verdutzt zurück.
Der endgültige Punkt war erreicht, als Hannah auf dem Weg zur Toilette hörte, wie Sabine dort lautstark den weiblichen Verwandten die wildesten Geschichten auftischte. Sie behauptete, Hannah tue nur so freundlich, in Wahrheit sei sie eine äußerst unangenehme Person. Außerdem habe sich die Gastgeberin unmöglich benommen: Den Gästen sei kein anständiges Bett angeboten worden, man habe sie auf ein altes, zerschlissenes Sofa verfrachtet. Zu Hause sähe es angeblich aus wie in einem Schweinestall, und ihr Geld habe Hannah bestimmt auch nicht auf ehrliche Weise verdient.
Sabine redete und redete, giftig, selbstgefällig und ohne jede Scham. Das Schlimmste daran war: Einige Verwandte schienen ihr tatsächlich Glauben zu schenken. Sie warfen Hannah plötzlich Blicke zu, als hätte diese sich vor ihnen zu rechtfertigen.
„Na schön, Sabine. In mein Haus setzt du keinen Fuß mehr“, dachte Hannah, während sie die Lippen zusammenpresste. Zum ersten Mal an diesem Abend zweifelte sie nicht im Geringsten daran, dass sie genau das Richtige tat. Diese dreiste, schlecht erzogene Verwandtschaft musste endgültig aus ihrem Leben verschwinden.
— Verehrte Gäste! — Der Moderator verschaffte sich Aufmerksamkeit. — Bevor der Hauptgang serviert wird, hat das Geburtstagskind noch eine kleine Präsentation vorbereitet. Ein paar besonders einprägsame Augenblicke dieses Festes.