An der Wand leuchtete die Projektionsfläche auf. Zunächst begann ein kurzer, beinahe feierlicher Film über Familie, Zusammenhalt, gegenseitige Achtung und die Bedeutung verwandtschaftlicher Nähe. Dann erschienen fröhliche Fotos vom Geburtstag: lachende Gesichter, erhobene Gläser, Umarmungen. Viele Gäste entdeckten sich selbst auf den Bildern und lächelten.

Doch plötzlich wechselte das Material. Statt der schönen Aufnahmen liefen nun Videos aus einem ganz anderen „Archiv“.

Auf der Leinwand war zu sehen, wie Sabine ungeöffnete Flaschen in ihre Tasche stopfte. Gleichzeitig erklang ihre eigene Stimme, klar und unüberhörbar:

— Gib mal diese Tüte her! Was hat diese vollgefressene Madame denn noch alles Leckeres gekauft? Ah, Kaviar! Sehr gut! Los, greift zu!

— Darf ich die Flasche da aufmachen?

— Natürlich, Alexander! Und den feinen Fisch dort reichst du auch mal rüber!

Es handelte sich um Aufnahmen einer versteckten Kamera, die in Hannahs Küche angebracht gewesen war.

Darauf sah man Sabine, Alexander Peters und Jonas Huber, wie sie sich über die Lebensmittel hermachten, die eigentlich für die Feier vorbereitet worden waren. Was sie dabei über Hannah sagten, ließ zahlreiche Gäste mit sichtbarer Missbilligung zu ihrem Tisch hinübersehen. Das Video war aus den aussagekräftigsten Momenten zusammengeschnitten.

Zum Schluss wischte Sabine mit einem Küchentuch die Turnschuhe von Jonas ab. Er hatte sie beschmutzt, als ihm ein Stück Torte heruntergefallen war. Nachdem die Schuhe sauber waren und die ungeöffneten Vorräte in Taschen verschwunden waren, verließen sie gemeinsam die Küche.

Dann endete die Aufnahme.

Für einige Sekunden herrschte völlige Stille. Sabine erhob sich schwerfällig, stopfte noch rasch ein paar Behälter in eine Tüte und krächzte:

— Jungs! Wir verlassen dieses Terrarium.

Die Gäste verstummten endgültig. Niemand lachte mehr. Ein paar Personen standen auf und gingen mit Sabine.

Hannah ließ sich davon die Laune nicht verderben. Dass ein Teil der Gesellschaft verschwand, empfand sie eher als Erleichterung. Der Abend ging weiter, und zwar deutlich angenehmer als zuvor.

Die Sommers zogen aus dieser Geschichte ihre eigenen Schlüsse über Sabine und deren Familie. Auch viele andere Verwandte brachen nach diesem Vorfall den Kontakt zu ihr ab. Und jene, die weiterhin zu Sabine hielten, wurden für Hannah zu einer Art Prüfstein. Mit ihnen wollte sie ebenfalls nichts mehr zu tun haben.

Die freundschaftliche Nähe zu den Sommers wirkte sich schließlich auf alle gut aus. Sogar Thomas Kraus hörte auf, seine Abende nur noch vor dem Fernseher zu verbringen. Er widmete sich wieder mehr seiner Arbeit und begann, gemeinsam mit Michael Sommer ins Fitnessstudio zu gehen.

— Es stimmt eben: Unser Umfeld formt uns, — sagte Hannah lächelnd, wenn sie die positiven Veränderungen an ihrem Mann bemerkte.

Thomas nahm ihr die Aktion nicht übel. Im Gegenteil: Nach jenem Abend konnte auch er Sabine kaum noch ertragen. Nur hätte er selbst sich niemals getraut, so entschieden vorzugehen. Hannah dagegen hatte keine Angst gehabt, die unverschämte Familie bloßzustellen — und sich damit endlich von einer lästigen Verwandtschaft befreit.

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„Deinen Schminktisch, Julia Vogel, schaffen wir auf den Balkon. An diese Wand passt mein rumänischer Wohnzimmerschrank ganz hervorragend.“

Das gelbe Metallband des Maßbands schnellte mit einem scharfen, beinahe bissigen Klacken zurück ins Kunststoffgehäuse und hätte Dorothea Albrecht fast den Fingernagel gekappt.

Meine Schwiegermutter stand mitten in unserem Schlafzimmer, kerzengerade, als wäre sie eine Feldherrin, die eigenhändig die Grenzen einer frisch eroberten Provinz absteckte.

Ich blieb in der Tür stehen. Sogar die Straßenschuhe hatte ich im Flur nicht ausgezogen.